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    Nikolay Borisovich Terpsykhorov
    First Slogan, 1924, Tretyakov Gallery

    First Slogan: Was die Kunst im Aktivismus kann 

    in: Bildpunkt, Sommer 2013

     

    Die Diskussion um Kunst, Aktivismus und die Vermittlung politischer Inhalte im (institutionellen) Kunstfeld scheint spätestens seit der letzten von Artur Zmijewski kuratierten 7. Berlin Biennale irgendwie gegen die Wand gefahren. Jenseits solcher symbolischer Bühnen, dort wo KünstlerInnen und GestalterInnen gemeinsam mit Interessengruppen an Kampagnen, Organisationsstrukturen, Besetzungen arbeiten, bleibt die Frage der ästhetischen Vermittlung politischer Inhalte nach wie vor kritisch zu diskutieren. Zur Frage steht, mit welchen künstlerischen, kommunikativen oder technischen Skills sich breite soziale Mobilisierung generieren lässt. Welche Subjekte präsentieren sich als Akteure, und welche Öffentlichkeiten sprechen sie an? An welche Diskurse wird dabei angedockt, was für ein Style wird gewählt? Welche Rolle kann die (hoffentlich vorhandene) Sensibilität und Erfahrung von KünstlerInnen und GestalterInnen innerhalb der Repräsentation solcher politischer Anliegen spielen?

     

    Der erste Blick geht nach Kreuzberg, wo „die Kreativen“ sich schuldbewusst beim Milchkaffeetrinken fragen, wie die eigene künstlerische oder Design-Praxis in den Dienst einer sich an urbanen Konflikten entlang formierenden Solidarität gestellt werden könnte. Im Berliner Soziokultur-Projekte-Dschungel stechen dabei vor allem solche Initiativen hervor, die dauerhaft am Ort ansässig und von der Nachbarschaft anerkannt sind. Dazu gehört der Projektraum Kotti-Shop im nördlichen Hochhauskomplex am Kottbusser Tor, Anlaufstelle für die zahlreichen Kinder der Nachbarschaft. In den von den Kotti-Shop-KünstlerInnen initiierten gestalterischen Aktionen wie der Posterausstellung auf den Werbeflächen der nahe gelegenen U-Bahn Station kommen einige BewohnerInnen vom Kottbusser Tor zu Wort. Poster-Slogans verkünden: „Kotti ist unser Wohnzimmer“ oder „Kotti-Bankrotti“. Wie süß, und so partizipativ, denkt man. Vor dem Hintergrund der aktuell stattfindenden Mieterhöhungen und drohenden Zwangsräumungen im Viertel nehmen solche visuellen Statements im öffentlichen Raum jedoch eine andere Dimension an. Sie sind ein Versuch, diesen Ort als etwas den BewohnerInnen gehörendes zu markieren, und Ausdruck des ansässigen Ressentiments. Die gewählte Ästhetik produziert jedoch keine Ausschlüsse, sondern vielmehr eine Identifikation mit den Interessen der hier Lebenden, eine positive Vermittlung und eine Einladung an die BetrachterInnen, diese Interessen mit Respekt wahrzunehmen und zu unterstützen.[1]

     

    Wer ein bisschen rum guckt, sieht am Kottbusser Tor überall Sticker, auf denen der Spruch „I love Kotti“ prangt. Daneben hübsch gelayoutete Poster mit „Wir bleiben alle“, oder Flyer mit lustigen Monstern, die zur Lärm-Demo aufrufen. Seit über einem Jahr befindet sich die Mieterinitiative Kotti&Co im ständigen Protest gegen steigende Mieten und Abwanderung der zum Teil seit Jahrzehnten ansässigen Nachbarschaft.

    Die visuelle Gestaltung der Initiative hat nicht unwesentlich zu deren breiter öffentlicher Rezeption und Unterstützung beigetragen. Zum Glück sind erfahrene Designer mit im Boot, die schöne Sticker, Buttons, Postkarten und vieles mehr gestalten. Das Protest-Camp-Gecekondu am südlichen Kottbusser Tor informiert PassantInnen auf türkisch, deutsch und englisch. Mehrsprachigkeit ist wichtig, damit alle sich repräsentiert fühlen und aktiv werden können.[2]

     

    Ein anderes Beispiel für eine starke visuelle Identität einer lokalen Initiative ist das Logo des Hamburger Gängeviertels. Der Schriftzug „Komm in die Gänge“ auf dem roten Kreis prägt seit Stunde eins (August 2009) das kollektive Wir-Gefühl der Besetzungsaktion. Die offene Einladung dieses Logos unterwanderte von Anfang an das Stereotyp „klassischer“ Hausbesetzungen. Anstatt als Gruppe mit einer politischen Agenda präsentiert sich „das Gängeviertel“ als extrem heterogene Gemeinschaft ohne markantes ideologisches Profil. Prägend war und bleibt, dass diese wahrscheinlich größte Besetzung in der Geschichte der Stadt als „KünstlerInnen-Besetzung“ ausgerufen wurde. Ihr erstaunlicher Erfolg und die fast widerspruchslose Unterstützung durch die städtische Öffentlichkeit, nicht zuletzt durch Springer-Medien wie das Hamburger Abendblatt getragen, werfen einige Fragen auf. Welche Form von Vermittlung war es, die diesen breiten Rückhalt produzierte und die Duldung durch die Stadt, die Vereinbarung zur Selbstverwaltung, Sanierung und schließlich die Gründung einer Genossenschaft auf den Weg gebracht hat? Die Taktik heißt vielleicht: höflich, kompetent, kreativ, und jede/r darf dabei sein. Was für eine Art von Kunst oder Kultur dann dort wirklich produziert wird, scheint dabei zweitrangig. Besucht man dafür an einem beliebigen Sonntagnachmittag das Gängeviertel, so wird man vermutlich einer freundlichen ansässigen Künstlerin begegnen, die gerade einer Gruppe von betuchten älteren HanseatInnen eine Führung durch das „Künstlerviertel“ gibt. Erleben wir hier das Ende der Politik as we knew it – mit den Mitteln der Museumspädagogik?

     

    Kritik an der Verwertungs- und Renditenlogik, mit der die städtischen Transformationen des Neoliberalismus durchgezogen werden, ist allgegenwärtig und wird von Netzwerken wie Recht auf Stadt, von Nachbarschaftsinitiativen, PlanerInnen oder politischen Parteien unterschiedlich formuliert. Wichtig waren Veröffentlichungen wie der weit rezipierte Brandbrief „Not in our Name Marke Hamburg“ (2009), der einen neuen Mainstream der Kritikalität bis in die hinterletzten Winkel von Spiegel Online gespült hat – günstiges Fahrwasser für undogmatischen Aktivismus.[3]

    Mobilisierung zum Protest und dessen öffentliche Unterstützung bedürfen solcher und noch anderer vermittelnder Impulse. Am Beispiel des Gängeviertels lässt sich beobachten, wie verschiedene Anliegen verkoppelt und wie dadurch unterschiedliche Gruppen und Generationen angesprochen werden. Einerseits geht es um Verlust urbaner Freiräume für Kulturproduktion und Subkultur, andererseits um Geschichts- und Identitätsverlust durch den Modernisierungsboom einer ins Innere hinein expandierenden Vermarktung städtischen Raumes. Die Praxis der Besetzung wird schließlich aus der Schmuddel-Nische der autonomen Tradition herausgeholt und als städtischer Fun-Faktor für Jung und Alt neu erfunden. Fazit: Unsere Mikro-Revolten sind ideologisch barrierefrei, gut gelayoutet, politisch korrekt, und haben kein Legitimationsproblem.

     

    Um Gentrifizierung zu verstehen und in ihrem ökonomischen Zusammenhang kritisieren zu können, und um so etwas wie das Gängeviertel dauerhaft zu einem Ort der Artikulation politischer Forderungen, des kritischen Denkens und einer ernstzunehmenden Kunstproduktion machen zu können, bedarf es jedoch einer langatmigeren, gar nicht so leicht zu vermittelnden Lern- und Diskurserfahrung, die sich nicht in einem prinzipiellen „dagegen sein“ verwirklicht, und auch nicht in der designten Behaglichkeit der Mitmach-Proteste.

    In der Zwischenzeit wird es aber nicht schaden, so viele Zwangsräumungen wie möglich mit zu verhindern.

     

     


    [1] Ein ähnliches Beispiel ist Anna Heilgemeirs Großprojektion einer Fotoserie von Kotti-AnwohnerInnen: http://www.flickr.com/photos/kottiundco/7711470998/in/photostream/

    [2] Zur Initiative und ihren Forderungen siehe http://kottiundco.net

    [3] http://nionhh.wordpress.com/about/